One Two
Sie sind hier: Startseite Projekte Dissertationsprojekt "Hayrullah Efendis Europareisebericht (1863/64) – Reflexionen eines Grenzgängers zwischen Genres, Zeiten und Identitäten"

Dissertationsprojekt "Hayrullah Efendis Europareisebericht (1863/64) – Reflexionen eines Grenzgängers zwischen Genres, Zeiten und Identitäten"

Caspar Hillebrand, Dipl.-Übers.

Das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts gilt als wegweisende Epoche in der vorrepublikanischen Geschichte der türkisch-europäischen Beziehungen. Die bedeutenden Reformmaßnahmen nach der blutigen Abschaffung des Janitscharenkorps durch den osmanischen Sultan Mahmud II. 1826 mündeten 1839 in eine weitere, noch umfassendere Reformperiode, die so genannte Tanzimat-Zeit ('Zeit der Neuordnung', 1839–76). Diese Modernisierungsbewegung war von einer deutlichen Hinwendung zu Europa gekennzeichnet (die nicht zuletzt auch eine wichtige Grundlage für die späteren kemalistischen Reformen unter Atatürk bildete). Noch stärker als zuvor war nun der europäische Einfluss zu spüren – in der Politik, aber auch im Denken der neuen intellektuellen und bürokratischen Eliten. Doch wie genau sah das Europabild eines Angehörigen dieser Eliten aus? Welche Rolle spielten Beobachtungen aus erster Hand, und wie wurden diese weitergegeben? Und wie standen solche Texte zueinander in Beziehung?

Eine bedeutende Quelle, die im Zuge des Dissertationsprojektes im Hinblick auf diese Fragen ausgewertet werden soll, ist der Reisebericht des osmanischen Mediziners, Staatsmannes, Literaten und Historikers Hayrullah Efendi (1818–1866), das von ihm selbst so genannte Yolculuk Kitabı (‚Reise-Buch‘, auch bekannt als Avrupa seyahatnamesi ‚Europa-Reisebericht‘). Hayrullah schrieb diesen Text 1863/64, unmittelbar nach seiner Rückkehr von einer Reise durch mehrere europäische Länder, deren Herzstück ein dreimonatiger Aufenthalt im von ihm als Kultur- und Zivilisationsmetropole idealisierten Paris gebildet hatte. Schon im Vorwort erklärt er seine Absicht, mit diesem Text nicht nur einen Erfahrungsbericht, sondern vor allem auch einen Europa-Reiseführer vorlegen zu wollen – eine Sorte Text, die es auf Türkisch bisher noch nicht gebe, die aber im Hinblick auf den bevorstehenden Anstieg in der Zahl der osmanischen Europareisenden dringend notwendig sei. (Bemerkenswert sind hier schon die Anzeichen eines Genrebewusstseins und einer Idee der Intertextualität, die Rückschlüsse auf die Rezeption solcher Schriften zulassen.) Durch diese Abweichung vom „Pakt der Wahrhaftigkeit“ (dem Versprechen, die Reise nur so zu schildern, wie sie tatsächlich stattgefunden habe – ein charakteristisches Element vieler Reiseberichte) im Dienste des Lesers distanziert Hayrullah sich von früheren Vertretern des Genres, schafft sich aber gleichzeitig auch einen Platz in deren Tradition, indem er – in Reaktion auf die soziokulturellen Veränderungen seiner Zeit – zur „Re-Figuration“ des Genres beiträgt. Sein Text bildet dabei einen Sonderfall, da Hayrullahs unerwarteter Tod zwei Jahre später die geplante Veröffentlichung des Buches verhindert. Gleichwohl verspricht der Text einen faszinierenden Einblick in das Europabild eines Osmanen, der als Sohn eines hohen religiösen Würdenträgers und obersten Hofarztes, Angehöriger der intellektuellen Elite der Tanzimat-Reformer und Vater eines berühmten Dramatikers und Diplomaten (Abdülhak Hamid Tarhan) in einer Zeit der Umbrüche im Mittelpunkt eines Spannungsfeldes verschiedenster gesellschaftlicher Strömungen steht. Im Zuge der Arbeit sollen Teile des Textes erstmals in eine andere Sprache übersetzt, kritisch kommentiert und narratologisch analysiert werden. Dabei soll der Text in seinem historischen Hintergrund verortet und in Bezug zu anderen Europareiseberichten gesetzt werden. Hierzu dient auch die Vernetzung innerhalb des BMBF-Projekts „Europa von außen“.

Artikelaktionen