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 Caspar Hillebrand

 

Universität Bonn
Inst. für Orient- und Asienwissenschaften

Abt. für Islamwissenschaft und Nahostsprachen

Regina-Pacis-Weg 7
D-53113 Bonn

Tel.: 0228-73 5873
Fax: 0228-73 5601
E-Mail: caspar.hillebrand[at]uni-bonn.de

 

 

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Bonner Forum Osmanistik

Warum Osmanistik?

 

Was haben wohltätige Stiftungen in Jerusalem, Spezialitäten
der bulgarischen Küche, Altstadthäuser in Tripolis und Ihre
Türkisch sprechenden Nachbarn gemeinsam? Auf den ersten
Blick nicht viel, auf den zweiten aber eine gemeinsame
Vergangenheit. Wer sich wissenschaftlich mit dem Nahen
Osten, arabischen Ländern oder Südosteuropa befaßt, stößt
sehr schnell auf das osmanische Erbe.

Stellen Sie sich eine Darstellung der europäischen
Geschichte vor, die zuerst ausführlich Antike und
Mittelalter behandelt und dann, nach einigen
Zwischenbemerkungen, im späten 19. Jahrhundert fortfährt,
wobei der Verfasser nur lateinische und englischsprachige
Quellen beachtet. Weit hergeholt? Vielleicht, aber nicht
unmöglich. Die Geschichte und Gegenwart der arabischen
Länder oder Südosteuropas wird oft genug so betrachtet, als
könnte man den größten Teil der Neuzeit (und Äußerungen in
unerwünschten Sprachen) getrost ignorieren.


Nicht zufällig zeigen geläufige Karten gewöhnlich Europa,
Afrika oder Asien, aber nur selten alle osmanischen (oder
byzantinischen) Territorien, denn der Gedanke, daß so
verschiedene Länder wie Ägypten und Serbien lange Zeit
demselben Reich angehörten, gefällt nicht jedem. Im seit
Jahrtausenden eng verflochtenen östlichen Mittelmeerraum
hat das 20. Jahrhundert tiefe Gräben gezogen.

Die Osmanistik ist ein Teilgebiet der
Orientalistik/Islamwissenschaft und vielleicht das einzige
nach einer Dynastie benannte Fachgebiet. Natürlich ist
nicht diese Familie Gegenstand des Faches, sondern die
Kulturen und Gesellschaften, die über Jahrhunderte unter
dem Banner des Hauses Osman lebten. Das Osmanische Reich
bestand für mehr als sechs Jahrhunderte – von etwa 1300 bis
1923 – und umfaßte Südosteuropa, Vorderasien und
Nordafrika, wo sein Erbe in rund 30 Nachfolgestaaten
fortlebt.


Zwar ist die Türkische Republik der wichtigste
Nachfolgestaat, aber das Osmanische Reich war kein
türkisches, sondern multiethnisch; zwar wurde es von
Muslimen regiert, aber es war kein islamisches Reich,
sondern multireligiös; zwar reichten seine Wurzeln weit ins
Mittelalter zurück, aber es hat sich stets gewandelt und
die Neuzeit mitgeprägt. Es wäre unsinnig, das Osmanische
Reich zu idealisieren, aber gerade angesichts der bitteren
Konflikte in und zwischen vielen ihm einst angehörenden
Ländern stellt sich dringend die Frage, wie das
Zusammenleben in heterogenen, multiethnischen und
multireligiösen Gesellschaften über viele Generationen
funktionierte.

Die Osmanen waren in gewisser Weise die letzten Nachfolger
der Römer und Byzantiner, und zugleich stellten sie sich in
die Tradition der arabischen Kalifate, der iranischen und
der mongolisch-türkischen Reiche. Das Osmanische Reich war
einer der wichtigsten Faktoren in der Islamischen Welt,
aber gehörte gleichzeitig seit dem 15. Jahrhundert
geographisch zu Europa und übte großen Einfluß auf
europäische Politik und Kultur aus. Trotz der oft nicht
friedlichen Nachbarschaft war es durch wirtschaftliche
Bande und durch Migration mit den europäischen Ländern
verbunden. Die osmanisch geprägte Neuzeit Bosniens oder
Griechenlands gehört zum europäischen Kulturerbe, ebenso
wie Kultur und Politik im Nahen Osten und in Nordafrika nur
zu verstehen sind, wenn man ihre osmanische Vergangenheit
einbezieht.


Im Vergleich zu allen anderen muslimischen Reichen und
Staaten bis zum 20. Jahrhundert hat das Osmanische Reich
mit großem Abstand die umfangreichste Menge an
Quellenmaterial hinterlassen. Dadurch ist es möglich, viele
Fragen zu beantworten, für die in anderen Bereichen einfach
die Quellen fehlen. Und es gibt sehr viel zu entdecken,
denn die Zahl kaum oder noch gar nicht bearbeiteter Texte
ist immens. Archivdokumente erlauben Einblick in Alltag,
Wirtschaftsleben, Politik oder Rechtspraxis und sind wie
große Teile der osmanischen Literatur noch unerforscht.
Natürlich müßten zur osmanischen Literatur auch Texte etwa
auf Armenisch, Griechisch, Südslawisch oder Ladino gehören,
aber aus praktischen Gründen beschränkt sich die Osmanistik
in der Regel auf Texte in osmanisch-türkischer Sprache
sowie auf Arabisch und gelegentlich Persisch. Diese drei
Sprachen werden nicht nur an Orientalischen Seminaren
üblicherweise gelehrt, sondern gehörten auch bis ins 20.
Jahrhundert zum osmanischen Bildungskanon. Das
Osmanisch-Türkische verbindet alle drei zu einer ungeheuer
reichen Schriftsprache, die der Schlüssel zu ungehobenen
Schätzen ist.

 

Das kleine Fachgebiet der Osmanistik hat im
deutschsprachigen Raum eine große Tradition, aber ist
heute ein internationales Fach. Zwar steht die Türkei in
vielfältiger Weise in direktester Verbindung zum
Osmanenreich, doch wächst das Interesse an osmanischer
Geschichte in zahlreichen exosmanischen Ländern ebenso wie
in Nordamerika, Europa und Japan, und die Intensivierung
der Forschung hat in den letzten Jahren bereits dazu
geführt, daß das herkömmliche Bild der osmanischen
Kulturen und Gesellschaften sich völlig gewandelt hat.


Angesichts der engen Beziehungen zwischen Deutschland und
der Türkei (wie auch anderen Nachfolgestaaten) verwundert
es daher, daß dieses Gebiet gerade an den Universitäten in
Nordrhein-Westfalen wenig bearbeitet wird. Wie die
islamwissenschaftliche Forschung insgesamt kann die
Osmanistik die Kultur- und Sozialwissenschaften um
außereuropäische – und andere europäische – Perspektiven
bereichern und erweitern. Dazu möchte das Bonner Forum
Osmanistik seinen Beitrag leisten.

 

Henning Sievert

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